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Das Material der Fotografie

Gedanken zu Material und Farbe am Ende der analogen Fotografie und zu Beginn der digitalen Bildgebung, eine Zeitreise vom 19. August 1839 bis heute

Basierend auf den Projektentwicklungen zu:
MARMOGRAPHIE / MATOGRAPHIE / THE LAST ANALOG PHOTOGRAPH / DER FUJIYAMA VON DAVOS

Work in Progress seit 1994

Redaktionelle Zusammenfassung: Susanna Bosch

Hans Danuser erfindet die "Matographie" in den 1990er Jahren. Es handelt sich um ein neuartiges Verfahren zur Herstellung von Farbbildern, bei dem Danuser Barytpapiere mit Farben und Formen bearbeitet, bevor diese industriell zum Fotopapier beschichtet werden. So wird eine Farbemulsion unter die Schwarz-Weiss-Schichten des Fotopapiers gelegt, um später Bestandteil der Bildwerdung in der Dunkelkammer zu werden. In seiner Projektskizze formuliert Danuser: "Die im Handel erhältlichen Fotopapiere haben einen weissen Schichtträger. Mein Projekt sieht vor, dass ich den Schichtträger nach meinen Vorstellungen mit FARBE bearbeite, BEVOR er mit einer fotographischen SCHWARZWEISS EMULSION beschichtet wird." Erst nachdem das Projekt von der Industrie als zu kostspielig und daher unmöglich für die industrielle Fertigung abgelehnt wird, kann Danuser die Geschäftsführung eines Fotopapierkonzerns für sein "One-Million-Pound Projekt" gewinnen. Seither schafft Danuser aus massgefertigtem und von Produktionsmaschinen beschichtetem Fotopapier verschiedene "matographische" Bildzyklen. Dabei trifft seine Handarbeit gleichermassen auf industrielle Fertigung. Diese Auseinandersetzung am Material selbst erinnert an Danusers Projekt "The Last Analogue Photograph", in dem der Fotograf ebenfalls versucht, die materielle Seite hinter einem Bild hervorzuheben. (> Essay, Kelley Wilder, "Hinter den Spiegeln") Download

Danuser stellt seine "matographischen" Bildzyklen erstmals im Jahre 1996 in der Ausstellung "Delta – Fotografien" im Kunsthaus Zürich aus. Wie in anderen Forschungsarbeiten, sucht Danuser auch in diesem Projekt den Dialog zur Wissenschaft. Als Danuser mit Mathematikprofessoren der Universität Zürich nach Graubünden zu alpinen Flussbänken reist, bittet er die Forscher mathematische Symbole in den Schiefersand zeichnen. Im Sand entstehen die kommunikativen Zeichen "Blackslash", "Delta" und "At", die Danuser fotografiert und malend erweitert. Es entstehen serielle Formenexperimente, die sich zwischen Repetition und Variation bewegen. So wird das Dreieck der Serie "Delta" je nach Ausrichtung und Farbauftragung als Venus interpretiert. In der Serie "Kilimandscharo" wird "Delta" in einen Berg umgesetzt und wird vom Zeichen zum Bild.

Im Jahre 1997 widmet das Nidwaldner Museum Danusers Fotoarbeiten die Ausstellung "At. Hans Danuser. Matographien". Begleitend dazu verfasst Ulrich Gerster den Aufsatz "Zeichen unserer Zeit. Zu Hans Danusers Matographien", worin er sich mit der Formsprache und Bedeutung der Zeichen, die in den "Matographien" verschiedenartig in Erscheinung treten, auseinandersetzt. Das "At" nimmt Gerster hierbei als eine Spiralbahn wahr, die Ausgangspunkt und Unendlichkeit zugleich sei, die als Ammonit oder Labyrinth gelesen werden könne und sinnbildlich für das Zyklische, Fortschreitende und das Evolutionäre stehe. Laut Gerster gehen Danusers Arbeiten jedoch nie ganz auf in dem, was sie bezeichnen. Er betont: " Es bleibt immer eine Differenz zwischen Gezeigten und dem Bild, das es zeigt. In dieser Spanne tanzen unsere Assoziationen". Hans Danuser - AT

Zehn Jahre später werden Danusers "Matographien" im Rahmen der Ausstellung "Hans Danuser – Dunkelkammern der Fotografie" im Bündner Kunstmuseum Chur ausgestellt und in der gleichnamigen Publikation veröffentlicht. Zur Ausstellung
2018/19 waren Danusers "matographische" Bildzyklen im Ernst Ludwig Kirchner Museum zu sehen. Die Ausstellung "Hans Danuser – Der Fujyama von Davos" zeigt Bildzyklen, in denen sich die Betrachterinnen zwischen Berg- und Vulkanmotiven bewegen. Zur Ausstellung

Auch in dieser motivischen Weltreise werden malerische Handlungen mit serieller Fotografie verbunden. Das "matographische" Motiv des Vulkanes entwickelte sich aus dem des Berges, welches wiederum aus dem abstrakten Zeichen "Delta" hervorgegangen ist. Gerd Folkers, Professor für Chemie an der ETH Zürich, thematisiert in seinem Aufsatz "Matographie – The-One-Million-Pound Projekt" die chemische Komplexität des "matographischen" Verfahrens. Laut Folkers führt Danuser mit seiner "Matographie" eine neue Perspektive ein. Der weisse Schichtträger wird farbig gebrochen und der Blick des Fotografen auf den nicht mehr uniformen Hintergrund gelenkt. Download

In Davos treffen die "Matographien" zum ersten Mal auf Digitalfotografien. In der Ausstellung sind Fotografien monumentaler Bergmassive ausgestellt, die Danuser mit seinem iPhone aufgenommen hat. Zu den Bildzyklen In dieser dialogischen Inszenierung von analoger und digitaler Fotografie erhält der Diskurs über den "Bildhintergrund" eine erweiterte Qualität. Da das Digitale im Kontrast zum Analogen keinen Hintergrund mehr kennt, eröffnet sich für die "matographischen" Bildzyklen in Davos eine neue Betrachtungsweise. Danuser hält in einem Interview, das im Jahre 2016 im Polykum erschienen ist, fest: "Das digitale Bild wird von hinten angeleuchtet. Es ist ein fundamentaler Unterschied, ob sich ein Bild über Licht von hinten her formuliert oder über dessen Reflexion von vorne wie beim Analogen. Das digitale Schwarz ist Leere, während das Analoge einen dichten Körper darstellt" Download

 

Ausgewählte Literatur mit Zitaten

"Es steckt etwas Jenseitiges hinter dem Projekt. Wie im fotografierten Sujet Moderne und Archaik aufeinander fallen, so treffen sich in der Herstellung des Kunstwerks verschiedene Entwicklungsstufen. Handarbeit und industrielles High-Tech finden aufeinander. Der Individualist mach sich die Fotopapierfabrik zu Diensten und unterwandert maschinelle Anonymität.", Juri Steiner, "Die geritzte Venus schreiet laut", in: Hans Danuser. Delta, Ausst.-Kat. Kunsthaus Zürich, 12.4. – 23.6.1996, Zürich / Baden: Kunsthaus Zürich / Lars Müller 1996. Hans Danuser, S. 85 – 99. Download

"Hans Danusers Matographien arbeiten nach dem Prinzip einer negativen Verdoppelung: die Grabung in die Tiefe und das Wachsen in die Höhe; das illusionistische Fotobild und die reale Farbe in der Schichtung – sie überlagern und durchdringen sich, vereinen sich und markieren doch beständig Differenz.", Ulrich Gerster, "Zeichen unserer Zeit. Zu Hans Danusers Matographien", in: Hans Danuser. AT, Ausst.-Kat. Nidwaldner Museum im Höfli, Stans, 26.10. – 21.12.1997, hrsg. vom Nidwaldner Museum, Stans: Nidwaldner Museum 1997, S. 15 – 27.

"Die Unterteilung des eigenen Oeuvres in Serien und Zyklen, die sich oft über Jahre hinziehen, ist Indiz für den romantischen Impuls, der Danusers Werk durchzieht. Er versteht das Oeuvre als eine Praxis, die mehr umfasst als die schiere Summe der Einzelteile. Jedes einzelne Kunstwerk hat in diesem Zusammenhang den Charakter eines Fragments, dessen Bedeutung im Zusammenhang mit anderen Fragmenten an Komplexität zunimmt. Die für die Betrachter nicht immer leicht zu durchschauende Segmentierung in Serien, unterteilt durch Nummern und Unterkategorien ist, ist charakteristisch für sein Ziel, das Singuläre der Kunst mit dem Allgemeinen der Wissenschaft zu verbinden.", Philip Ursprung, "Abstraction und Einfühlung – Hans Danusers Vulkan Serie", in: Hans Danuser – DER FUJIYAMA VON DAVOS, Publikation zur gleichnamigen Ausstellung im Ernst Ludwig Kirchner Museum, 28.11.2018 – 29.04.2019, hrsg. von Thorsten Sadowsky Heidelberg: Kehrer Verlag 2018, S. 52 – 58.

 

"Die Berge im Graubünden sind keine Vulkane. Von Weitem aber mögen sie ein wenig wie Vulkane anmuten, deren Spitzen ja oft unbewachsen bleiben wegen der Eruptionen. Danuser wählt diese Motive gerade deshalb, weil sie offensichtlich von Menschen bearbeitet und korrigiert sind. Die Lawinenverbauung ist kein Makel innerhalb des Naturschönen, kein Zeugnis eines wie auch immer gearteten Defekts. Es mach viel mehr dasjenige deutlich, das Danuser seit seiner zu Beginn der künstlerischen Laufbahn erfolgten Auseinandersetzung mit Räumen der Kernenergie, der Gentechnologie, der Geldwirtschaft, und später des Zufalls und den Prozessen der geologischen Abtragung nicht müde wird aufzuzeigen: nämlich die Orte und die nie ganz deutlich umrissene Zone, in denen das Menschliche und das Nicht-Menschliche sich berühren.", Philip Ursprung, "Abstraction und Einfühlung – Hans Danusers Vulkan Serie", in: Hans Danuser – DER FUJIYAMA VON DAVOS, Publikation zur gleichnamigen Ausstellung im Ernst Ludwig Kirchner Museum, 28.11.2018 – 29.04.2019, hrsg. von Thorsten Sadowsky Heidelberg: Kehrer Verlag 2018, S. 52 – 58.

"Es bleibt die "Matographie" als neues fotografisches Verfahren, das in der farbigen Brechung des weissen Schichtträgers eine neue Perspektive einführt, nämlich den Blick des Fotografen auf den sonst unbeachteten Hintergrund lenkt. Notwendigerweise, bewusst oder nicht, wir das die Kreation des Bilds beeinflussen.", Gerd Folkers, "Matographie – The One Million Pound Project", in: Hans Danuser – DER FUJIYAMA VON DAVOS, Publikation zur gleichnamigen Ausstellung im Ernst Ludwig Kirchner Museum, 28.11.2018 – 29.04.2019, hrsg. von Thorsten Sadowsky Heidelberg: Kehrer Verlag 2018, S. 76 – 86.

"Kann man etwas, das bereits erfunden ist, noch einmal erfinden? Man kann: Hans Danuser belegt es mit seinen Recherchen zur Fotografie und seinen Erkenntnissen, die er daraus für seine Bilder gewonnen hat. Er dring förmlich ins Wesen der Fotografie vor, studiert die Materialien und Substanzen und entwickelt sie seinen Vorstellungen entsprechend neu. Er erforscht die fundamentalen Gesetze des Metiers seit dessen empirischen Anfängen eines Henry Fox Talbot und eines Daguerre und bringt sich selber mit seinen Bedürfnissen in die Geschichte der Fotografie ein. Es interessiert ihn nicht als Mittel des Abbildens und Dokumentierens von Wirklichkeit, er fasst sie stets als mitschöpferisches Medium im Prozess der Bildherstellung auf. Er strebt nach Präsentation von Inhalten, nicht nach deren Repräsentation.", Angelika Affentranger, »Wichtige und gefährliche Bilder – Die Kunst von Hans Danuser liegt in der Dialektik von Zeigen und Verbergen«, in: Neue Zürcher Zeitung, 2.3.2019, Literatur und Kunst, S. 48 – 50.